Weltwirtschaft auf solidem Niveau, nachhaltige Erholung jedoch weiterhin nicht in Sicht

Gleichwohl sich die größten Negativfaktoren des Vorjahres abgemildert haben, ist die Weltwirtschaft im 1. Halbjahr 2023 dennoch langsamer gewachsen. Das hohe Inflationsniveau, die geldpolitische Wende und die restriktive Fiskalpolitik hemmten die Entwicklung. Positive Impulse lieferte zum einen das Ende der COVID-Restriktionen in China. Zum anderen entspannte sich die Situation in den weltweiten Lieferketten. Einen weiteren positiven Beitrag leistete die Teilkorrektur der zuvor steil gestiegenen Energiepreise. Dennoch blieb in den USA die Industrieproduktion bei relativ gut ausgelasteten Kapazitäten (Q1: 79,6 %, Q2: 79,4 %) weitgehend auf Vorjahresniveau (Q1 2023: -0,2 %, Q2 2023: 0,7 %). Im 2. Quartal 2023 ist die US-Wirtschaft annualisiert um 2,4 % gewachsen (Q1 2023: +2,0 %). In China war ebenfalls keine eindeutige Erholung der dortigen Industrie zu beobachten. Während die Produktion im 1. Halbjahr 2023 um 3,8 % nur moderat zulegen konnte, blieb die Kapazitätsauslastung hinter dem Vorjahr zurück (Q1 2023: 74,3 %, Q2 2023: 74,5 %). Das allgemeine Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft belief sich bis Ende Juni auf 5,5 % (Q1 2023: 4,5 %, Q2 2023: 6,3 %). Die europäische Konjunktur wurde dagegen durch die anhaltende Konsumschwäche getroffen. Die Wirtschaft geriet ins Stocken (Q1 2023: +1,1 %, Q2 2023: +0,6 %), was sich folglich auch negativ auf die Industrieproduktion auswirkte (Q1 2023: +0,5 %, April: +0,2 %, Mai -2,2 %). Dennoch blieben die Kapazitäten mit 81,2 % im 2. Quartal 2023 weiterhin gut ausgelastet, wenngleich das Niveau niedriger als im Vorjahr (Q2 2022: 82,5 %) war.

 

Deutsche Wirtschaft auf absolut niedrigem Niveau und mit geringer Dynamik

Die deutsche Wirtschaft erlebte im Winterhalbjahr 2022/23 einen deutlichen Einbruch und durchlief in der Folge eine technische Rezession. Nach Angaben des IfW (Kiel) bewegte sich die absolute Wirtschaftskraft im Frühjahr 2023 sogar unter dem Niveau vom Ende des Jahres 2019, als die Corona-Pandemie kurz bevorstand. Die wesentlichen Ursachen dafür liegen in den gestiegenen Finanzierungskosten sowie in den durch den Ukrainekrieg ausgelösten Energieschocks. Insbesondere die energieintensive Produktion wurde stark tangiert. Laut der Deutschen Bundesbank haben die Investitionen, vor allem im Bau, sowie die Auslandsnachfrage stark nachgelassen und die hohe Inflation hat den privaten Konsum gebremst. Dementsprechend ist auch im 2. Quartal 2023 das Bruttoinlandsprodukt um 0,6 % geschrumpft (Q1 2023: revidiert +0,1 %), wobei der Effekt kalenderbereinigt bei nur 0,2 % (Q1 2023: -0,2 %) lag. Positiv wirkten dagegen die aufgestauten, zum Teil noch sehr hohen Auftragsbestände, wodurch sich die Industrieproduktion in Summe erhöhte (Q1 2023: +2,1 %, April: +3,2 %, Mai: +2,2 %). Ebenso war die Kapazitätsauslastung der Industrie im 2. Quartal 2023 mit 84,5 % hoch.

 

Weiterhin hoher Auftragsbestand federt schwache Nachfrage im Maschinenbau noch ab

Die Industriekonjunktur befand sich im 1. Halbjahr 2023 in einem Spannungsfeld: Einerseits waren die Auftragsbestände weiterhin hoch, und es kam zu einer Normalisierung in den Lieferketten. Andererseits zeigte sich eine konjunkturell stark rückläufige Nachfragedynamik. Vor diesem Hintergrund lag das weltweite Produktionsvolumen der Industrie (ohne Bau) in den ersten fünf Monaten 2023 mit +0,8 % nur minimal über dem Niveau des Vorjahres. Allerdings zogen die Wachstumsraten innerhalb dieses Zeitraums gegenüber dem schwachen Jahresbeginn 2023 schrittweise leicht an (Q1 2023: +0,5 %; April 2023: +1,5 %, Mai 2023: +1,0 %). Ungeachtet zahlreicher Investitionen in den Klimaschutz und in den Umbau der Energiewirtschaft – welche die Nachfrage nach Investitionsgütern strukturell unterstützten – war die Investitionsneigung aufgrund der hohen

Unsicherheiten und der schlechteren Finanzierungsbedingungen im 1. Halbjahr 2023 gering. So ist die Maschinenproduktion in den USA im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum geschrumpft (Q1 2023: -2,7 %, Q2 2023: -8,8 %). Im Euroraum zeigte sich laut EZB die Investitionsgüterindustrie bislang sehr robust (Q1 2023: +5,6 %; April 2023: +8,3 %). Auch der deutsche Maschinenbau konnte dank der weiterhin guten Auftragslage seine Produktion bislang steigern (Q1 2023: +3,2 %, April +3,7 %, Mai +1,6 %), wenngleich die Vergleichsbasis aus dem Vorjahr aufgrund des Ukrainekrieges sehr niedrig war.

 

Automobilproduktion weltweit auf niedrigem Niveau deutlich erholt – Elektroautos boomen

Im 1. Halbjahr 2023 konnte sich die Automobilindustrie weiter von den massiven Auswirkungen der Corona-Pandemie erholen. Entlastend wirkten hier ebenso die Entspannung in den Lieferketten sowie der hohe Auftragsbestand. Laut Branchenverband VDA haben sich vor allem der deutsche und europäische Pkw-Markt besser entwickelt als prognostiziert; gleichwohl liegt das Marktniveau weiterhin unterhalb des Vorkrisenniveaus im Jahr 2019. Nach Daten von LMCA (LMC Automotive) lag der globale Absatz von Light Vehicles (LV, bis 6 t) bis Ende Juni 2023 mit 42,7 Mio. Einheiten um 10,7 % höher als im Vorjahr. Die Produktion wurde ebenfalls deutlich hochgefahren und wuchs um 10,4 % auf 43,0 Mio. Einheiten (Q1 2023: +7,1 %, Q2 2023: +13,9 %). Bei den unterschiedlichen Antriebseinheiten fiel auf, dass die Herstellung von LV mit reinem Verbrennungsmotor leicht rückläufig war (H1 2023: -3,1 %). Im Gegensatz dazu wurden 48,7 % mehr batterieelektrische Fahrzeuge (reine BEV und hybride PHEV) produziert als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Ihr Produktionsanteil lag im 1. Halbjahr 2023 mit 31,6 % bei knapp einem Drittel aller LV. Trotz der schwachen Konjunktur und der hohen Zinsen ist auch der Markt für Nutzfahrzeuge (NFZ) in den ersten sechs Monaten 2023 kräftig gewachsen, wobei die Vorjahresbasis aufgrund der Entwicklungen in China sehr schwach war. LMCA beziffert den weltweiten Anstieg der Produktion von NFZ bis Ende Juni 2023 auf +11,5 %, was einem Gesamtvolumen von 1,71 Mio. Einheiten entspricht. Die Produktionszahlen beliefen sich im Bereich der Lkw auf 1,59 Mio. Einheiten (+10,6 %) und bei den Bussen auf 121.000 Einheiten (+25,6 %).

 

Baukonjunktur in China weiterhin belastet und in Europa zunehmend unter Druck

Die Entwicklung der chinesischen Bauwirtschaft stand weiterhin unter dem Druck der dortigen Immobilienkrise. Finanzielle Probleme bei Projektentwicklern und fallende Immobilienpreise belasteten den Sektor. Nach Daten des Statistikamts NBS sind die Gebäudeinvestitionen im 1. Halbjahr 2023 um 7,9 % gesunken (Q1 2023: -5,8 %), während die Investitionen im Wohnungsbau um 7,3 % nachgaben (Q1 2023: -4,1 %). In Europa sind die negativen Effekte bedingt durch die verschlechterten Finanzierungsbedingungen zunehmend sichtbar, was sich insbesondere im Wohnungsbau niederschlägt. Zudem bewegen sich die Baukosten auf einem weiterhin hohen Niveau, während parallel die Auftragseingänge seit einigen Monaten rückläufig sind. Nachdem die Bauproduktion im Euroraum mit einem realen Anstieg um nur 0,7 % bereits sehr verhalten ins Jahr 2023 gestartet war, verfestigte sich das negative Stimmungsbild im April (+0,4 %) und Mai (+0,1 %) zunehmend. Besonders in Skandinavien, Österreich sowie in den großen osteuropäischen Märkten Polen und Ungarn zeigte sich eine getrübte Stimmung. Dagegen war die Entwicklung in Frankreich noch moderat im Plus, während andere Länder wie die Niederlande, Spanien und Portugal sowie kleinere Länder Osteuropas (Slowenien, Rumänien, Kroatien) sogar deutlich zulegen konnten. Im Gegensatz dazu setzte sich die bereits zum Ende des Vorjahres sichtbare Eintrübung der Baukonjunktur in Deutschland fort. Dementsprechend gingen sowohl die Bauproduktion als auch die Umsätze trotz des noch hohen Auftragsbestands zurück.

 

Robuste Baukonjunktur in den USA trotz schwacher Entwicklung am Wohnungsmarkt – Markttreiber im Wassergeschäft im 1. Halbjahr 2023 schwächer

Die Bauwirtschaft in den USA konnte trotz einiger negativer Vorzeichen im 1. Halbjahr 2023 durch die positiven Effekte im öffentlichen Infrastrukturbau gestützt werden. Allein in der Wasserversorgung sind die Investitionen um 14,5 % gestiegen. Überdies sind nahezu alle Bausegmente gewachsen, auch der Bau von Büro- und Wirtschaftsgebäuden war moderat im Plus. In Summe legten die US-Bauinvestitionen bis Ende Juni um 3,0 % zu (öffentlich: +12,3 %, privat: +0,8 %). Im Bereich des Wohnungsbaus bewirkten die schnell und stark gestiegenen Zinsen einen spürbaren Rückschlag. Hier brach die Bautätigkeit um 10,4 % ein, wobei der Großteil des Effekts auf den Bau von privaten Einfamilienhäusern zurückzuführen ist (H1 2023: -23,2 %). Dessen ungeachtet ist die Bautätigkeit im Bereich von Mehrfamilienhäusern nochmals um 21,1 % gewachsen.

Das Wassergeschäft der NORMA Group in den USA (NDS-Aktivitäten) korreliert sehr stark mit dem Immobilienmarkt. Die Markttreiber in diesem Segment begannen sich im 2. Halbjahr 2022 abzuschwächen und haben sich 2023 weiter verlangsamt. Die Umbautätigkeiten in den USA starteten getrieben von Projektrückständen aus dem Jahr 2022 laut Zonda Residential Remodeling Index (RRI) mit einer jährlichen Wachstumsrate von 1 % ins Jahr 2023. Belastend auf das Immobiliengeschäft in den USA wirkten extreme Wetterbedingungen: Während der Westen der USA Anfang 2023 die höchsten Niederschlagsmengen in einem Spätwinter/Frühjahr seit über 100 Jahren erlebte, zeigt sich derzeit eine langanhaltenden Dürre, wodurch die Branche stark beeinträchtigt wurde.